Allgemeine Navigation: Primäre Navigation:

Reisetag 6

Damit die Urlaubsgäste auch einmal die Chance haben sollten, sich ordentlich auszuschlafen, begann die nächste Besichtigungstour in Edfu erst um 9 Uhr. Dies bedeutete für die Frühaufsteher ein ausgiebiges Frühstück.

Wir waren also, nachdem wir die Schleuse in Esna passiert hatten, nach Edfu geschippert und hatten dort angelegt. Als wir jetzt im herrlichen Sonnenschein das Schiff verließen, erwartete uns eine größere Anzahl Pferdekutschen. Der Horustempel, den wir hier besichtigen wollten, liegt von der Anlegestelle ein größeres Stück entfernt, so dass es eines Transportmittels bedurfte. Da immer im Luxusreisebus zu fahren irgendwann auch langweilig wird, gab es diesmal eben Pferdekutschen. Diese Zweispänner, in denen man mit etwas Geschick zu viert Platz findet, sind recht abenteuerliche Gefährte. Man braucht nicht zu glauben, dass es sich hier um eine beschauliche, romantische Kutschfahrt handelte! Die Ägypter lenken ihre Pferdekutschen ähnlich wie sie Auto fahren, so dass man sich gut festhalten muss, um nicht heraus zu fallen. Wir hatten trotzdem einen Riesenspaß! Allerdings kann man mit den geschundenen Pferden schon Mitleid bekommen…

Nach 15 Minuten Fahrt kamen wir ziemlich durchgeschüttelt am Tempel an, ein monumentales Werk aus ptolemäischer Zeit. Der Bau des Tempels fand zur Zeit Ptolemaios XII. statt, welcher der Vater von jener Kleopatra war, deren Nase maßgeblich zum Verlauf der Geschichte beitrug, wenn man Blaise Pascal glauben schenken mag.

Der Tempel gilt als der am besten erhaltene von ganz Ägypten und war dem Falkengott Horus geweiht, dem man gleich vor dem Eingang in Form zweier überlebensgroßer Statuen aus schwarzem Granit begegnet. Auf den Pylonen sind meterhohe Reliefs zu sehen, in denen der Pharao seine Feinde erschlägt und den Göttern Horus und Hathor als Opfergaben darbringt. Über dem Eingangsportal fällt einem ein Symbol ins Auge, das eine Sonnenscheibe zwischen zwei aufgerichteten Kobras und ausgebreiteten Flügeln darstellt. Dieses Schutzsymbol ist an vielen Tempeln zu sehen und steht für den Schutz, den die Götter dem Tempel garantieren.

Im Inneren des Tempels fallen einem nicht zum erstenmal ausgemeiselte Reliefs auf, denn auch hier haben die frühen Christen gelebt und versucht, die Überbleibsel der altägyptischen Religion zu zerstören. An den Decken ist von den herrlichen Malereien auch nichts mehr zu sehen, da die Christen die Räume als Küche misbrauchten, wobei ordentlich Ruß erzeugt wurde. Wiedermal wurde mein persönliches Bild vom Christentum bestätigt, dass die Christen schon immer ohne Sinn und Verstand zerstörten, was sie in ihrer beschränkten Sichtweise nicht verstanden, oder sich weigerten, Dinge zu tolerieren, die mit ihrem Weltbild nicht vereinbar waren. Respekt und Toleranz für andere? Fehlanzeige! Wir sahen also geflissentlich darüber hinweg, dass die Räume total verrußt und die Reliefs ohne Gesichter waren. Wobei nur die Reliefs, an die man stehend heranreichen konnte, zerstört worden waren. Entweder hatten die Christen Höhenangst, oder sie waren zu blöd, eine Leiter zu bauen…

Trotz aller Widrigkeiten findet man aber auch im Edfu-Tempel viele kleine Kostbarkeiten, die durchaus entschädigen können. Eine interesante Sache zum Beispiel ist der Nilometer. Im Alten Ägypten wurden die Steuern von den Priestern erhoben und eingetrieben. Wenn im Sommer die Nilüberschwemmung kam, blickten die Priester auf den Nilometer, einen Schacht, der direkt mit dem Nil verbunden war und in dem das Wasser entsprechend dem Stand des Nilhochwassers stieg. Dann gab es eine sehr einfache Regelung: Je höher der Wasserstand, desto mehr fruchtbarer Nilschlamm wurde angeschwemmt, desto ertragreicher würde die Ernte sein, desto höher fielen die Steuern aus. Einfach, aber genial! Wenn man innen an der äußeren Ummauerung am Nilometer vorbei geht und um eine Ecke geht, findet man ein weiteres Kleinod: An der hintersten Wand des Tempelkomplexes war der Bauplan in die bereits fertiggestellte Mauer gemeiselt worden. Ägyptische Tempel wurden immer von hinten nach vorn gebaut, was daran lag, dass das Baumaterial über den Nil herangeschafft wurde und man es nicht durch die schon fertig gestellten Teile des Tempels tragen wollte. So macht es Sinn, dass sich der Plan an genau dieser Stelle befindet.

An der selben Wand befinden sich auch viele sehr detailreiche Hieroglyphen, die als Hochreliefs gemeisselt wurden. Hochreliefs waren im Alten Ägypten immer dann angesagt, wenn der Pharao der Kunst große Bedeutung zukommen liess. Ahmed klärte uns an dieser Stelle darüber auf, wie die Hieroglyphen ins lateinische Alphabet übersetzt werden und gab uns an dieser Stelle gleich eine Hausaufgabe, bis zum Ende der Reise unsere Namen in Hieroglyphen zu schreiben. Natürlich kann man die alten Schriftzeichen nicht einfach so umsetzen, aber für den Touristen reicht das allemal.

Eine Ecke weiter und wir standen vor einer Wand, an der in vielen Bildern eine Geschichte aus der altägyptischen Mythologie erzählt wird: Der Kampf des Horus gegen den Osiris-Mörder Seth.

Der Mythos erzählt von den Göttern Geb und Nut, die vier Kinder hatten: Isis, Osiris, Nephthys und Seth. Isis wurde die Gemahlin von Osiris, während Seth Nephthys ehelichte. Jedoch war Seth auf seinen Bruder Osiris eifersüchtig, weil er selbst die schöne Isis zur Frau haben wollte und ausserdem Herrscher über das Land sein wollte anstelle Osiris’. So tötete er seinen Bruder, zerstückelte die Leiche in vierzehn Teile und versteckte die Teile im ganzen Land. Daraufhin bestieg er den Thron. Die völlig verzweifelte Isis irrte durch die Welt und suchte die Teile ihres Gemahls wieder zusammen. Sie weinte und wehklagte so lange, bis der höchste Gott Amun Mitleid bekam und gemeinsam mit Anubis den Körper wieder zusammensetzte und zum Leben erweckte. Fortan sollte der Untote über die Unterwelt herrschen, doch vorher empfing Isis noch ein Kind von ihm. Als dieser Sohn, Horus, herangewachsen war, brannte in seinem Herzen wilder Zorn gegenüber Seth, sodass er diesen zum Kampf herausforderte, um seinen Vater zu rächen. Bestärkt von seiner Mutter Isis und dem Sonnengott Amun zog Horus in den Kampf, in welchem er letzten Endes Seth besiegen konnte, ihn jedoch nicht tötete. So bestieg nun also Horus den Thron von Ägypten und war fortan jener Gott, mit dem jeder Pharao seinen göttlichen Status rechtfertigte. Horus wird auch immer als der Beschützer des Pharaos angegeben.

Wenn man dem Gang zwischen der äußeren Ummauerung und der Tempelmauer um genügend Ecken gefolgt ist, landet man irgendwann wieder im offenen Hof des Tempels, geht durch den Eingang und schafft es mit viel Glück sogar, eine der Horusstatuen zu fotografieren, ohne dass irgend so ein obercooler Tourist davor posiert.

Im Edfu-Tempel wurden die Sonnenkinder von Ahmed übrigens zu Kindern der heiligen Sonne befördert, weil trotz der Hitze alle interessiert waren und keiner herummäkelte…

Direkt vor dem Tempel befindet sich, wie man das ja mittlerweile gewohnt war, ein Touristenbasar. Scheinbar gibt es da ein direktes Joint-Venture zwischen den Händlern auf diesem Basar und den Organisatoren der Nilkreuzfahrten, denn seltsamerweise finden Galabia-Partys immer an dem Tag statt, an dem man den Edfu-Tempel besucht! Schon auf dem Weg zum Tempel drückte einer der Händler Markus einen Schal in die Hand und bezeichnete diesen als Geschenk. Auf dem Rückweg kreuzte er natürlich wieder unseren Weg und wollte uns – richtig! – Galabias verkaufen. Wir weigerten uns, woraufhin aber auch das Geschenk zurück zu geben war. Von anderen Reisegäste wurde uns erzählt, dass der Galabia-Kurs enorm gestiegen war, weil man plötzlich viel mehr für diese Kutten bezahlen musste als überall sonst. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt!

Aber auch diesen Basar brachten wir hinter uns und machten uns wieder auf den Weg zum Pferdekutschenparkplatz, wo uns ein Einheimischer entgegen kam und unsere Kutschennummer wissen wollte, damit er uns dort hinbringen könne. Wir nannten ihm also die 109, woraufhin eine kleine Odyssee begann, die uns überall hin führte, aber nicht zu unserer Kutsche. Außerdem wollte der Kerl dauernd Geld haben! Irgendwann erblickte ich unseren Ahmed, worauf ich Markus am Arm packte und hinter mir herzog, obwohl das Gespräch über Bakschisch noch nicht beendet war. Die Nervensäge lief uns natürlich nach, während Ahmed uns zeigte, wo unsere Kutsche war. Wir stiegen ein, und der nervige Kerl war immer noch da und wollte Geld fürs Nichtstun! Wo gibt’s denn sowas! Schliesslich maulte ich ihn an: „I really don’t know what you want to have money for!“, woraufhin er sich beleidigt verdrückte. Ich gebe ja gerne ein Trinkgeld, wenn jemand irgendwas gemacht hat, sei es den Koffer tragen oder den Weg erklären oder was auch immer. Aber fürs Nichtstun kriegt von mir keiner was!

Während des Mittagessens legten wir in Edfu wieder ab, um unseren Weg nach Assuan anzutreten. Es war ein herrlicher, entspannter und fauler Nachmittag auf dem Sonnendeck. Zur Erfrischung gabs Wasser oder Malventee, natürlich konnte man auch in den Pool hüpfen, um sich etwas abzukühlen, denn je weiter wir gen Süden fuhren, desto heisser wurde es! Wenn ein Glas eine Weile auf dem Tisch stand, wurde es vom Wüstenwind irgendwann so aufgeheizt, dass man fast nicht mehr daraus trinken konnte.

Mittlerweile wussten wir auch, warum einen ägyptenerfahrene Bekannte immer gerne und nachdrücklich darauf hinweisen, dass man unbedingt ein Medikament gegen Durchfall mitnehmen solle. Pharaos Rache hatte uns zu diesem Zeitpunkt nämlich beide eingeholt… Aber zum Glück können derartige Misslichkeiten einem nicht wirklich die Urlaubslaune verderben!

Abends gab es ein arabisches Buffet, was für uns alle eine willkommene Abwechslung war. Die Ägypter und allgemein die Völker der arabischen Welt haben nämlich so manches in ihrem kulinarischen Repertoire, das sehr gut schmeckt! Während des Essens stellten wir auch erleichtert fest, dass wir nicht die einzigen waren, die sich weigerten, bei dieser Galabia-Verschwörung mitzumachen. Nur etwa die Hälfte der Anwesenden kam verkleidet. Die schönsten Gewänder trugen Daniela und Frank, die zum einen auf Hochzeitsreise waren und zum anderen an unserem Tisch saßen. Sie trugen das traditionelle Hochzeitsgewand, das wirklich toll aussah.

Wir genossen nun also das arabische Abendessen in vollen Zügen und verbrachten den Rest des Abends auf dem Sonnendeck (das zu dieser Zeit eigentlich ein Monddeck war). Wir waren aber nicht die einzigen, die auf die recht chaotische Party verzichteten. Hier auf dem Sonnendeck war es angenehm ruhig, auch waren die Temperaturen nicht mehr so hoch. Ab und zu hörten wir den Gesang von einer Moschee, manchmal passierte ein anderes Hotelschiff unseren Weg, während der Nil ruhig dahinplätscherte. Die ganze Atmosphäre war tiefer Frieden.

 
Bilder des 6. Reisetages
Horus-Tempel in Edfu (in neuem Fenster)
Horus-Tempel in Edfu
Hathor-Tempel in Edfu (in neuem Fenster)
Hathor-Tempel in Edfu
Horus-Tempel in Edfu (in neuem Fenster)
Horus-Tempel in Edfu
Nilometer in Edfu (in neuem Fenster)
Nilometer in Edfu
Horus-Tempel in Edfu (in neuem Fenster)
Horus-Tempel in Edfu
Horus-Tempel in Edfu (in neuem Fenster)
Horus-Tempel in Edfu
Horus-Tempel in Edfu (in neuem Fenster)
Horus-Tempel in Edfu
Horus Statue (in neuem Fenster)
Horus Statue
Horus-Tempel in Edfu (in neuem Fenster)
Horus-Tempel in Edfu
Horus-Tempel in Edfu (in neuem Fenster)
Horus-Tempel in Edfu
Auf dem Sonnendeck (in neuem Fenster)
Auf dem Sonnendeck
Literatur zum Thema
Wetter in Ägypten
Alexandria: 21°C
Kairo: 23°C
Luxor: 25°C
Assuan: 25°C