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Reisetag 8

Es war früh, es war sogar verdammt früh. Die müden Gesichter mit Augenlidern auf Halbmast sprachen Bände, als sich gegen 3 Uhr morgens ein verschlafenes Grüppchen Sonnenkinder zuerst über den Kaffee hermachte und sich danach auf die Lunchpakete stürzte.

Um halb vier saßen wir dann schon im Bus irgendwo in Assuan und warteten, bis der übliche Sicherheitskonvoi komplett war. Draußen war es stockdunkel, was einem mit aller Deutlichkeit klar machte, dass man eigentlich verrückt sein musste, hier mitten in der Nacht zu einer weiteren Wüstenfahrt im Luxusreisebus aufzubrechen, noch dazu hatte man sie extra bezahlt, weil sie fakultativ war. Nach einer ägyptischen halben Stunde startete der Konvoi dann gegen 4.15 Uhr gen Süden am Lake Nasser entlang bis fast zur Grenze zum Sudan nach Abu Simbel. Langsam schob sich die Sonne über den Horizont, der eine oder andere frühstückte, und alle waren gespannt auf das Kommende.

Zweieinhalb Stunden später hielten wir auf einem großen Parkplatz, von dort aus ging es ein paar Meter bis zur Sicherheitskontrolle, die an diesem Tag nicht nur aus dem üblichen Metalldetektor, sondern auch aus Taschendurchsuchen bestand.

Wieder ein paar Meter, um eine Ecke, der aufgehenden Sonne entgegen – und dann sahen wir ihn endlich, den Grund für diese nächtliche Wüstentour: Der gigantomanische Felsentempel von Ramses II., der in seinen Ausmaßen jedes bisher gesehene Bauwerk in den Schatten stellte, das großartigste Bauwerk des größten Pharaos aller Zeiten! Eigentlich errichtet für die drei Götter Amun-Ra, Ra-Herachte und Ptah, diente er doch nur einem Zweck: Der Verehrung des Erbauers noch über dessen Tod hinaus.

Allein die Fassade mit den vier Kolossalstatuen des Pharaos spottet jeder Beschreibung. So oft auf Bildern gesehen, kann man sich doch kaum vorstellen, wie überwältigend dies ist. In der Mitte befindet sich der Eingang zum Tempel, der sehr hoch ist, zwischen den Statuen aber fast winzig wirkt. Auch das Bildnis von Ra-Herachte über dem Eingang wirkt beinahe winzig, obwohl er dem kriegsfreudigen Ramses sicherlich einer der wichtigeren Götter gewesen sein muss. Betritt man den Tempel, wird man von einer Allee aus Statuen empfangen, die allesamt den Pharao darstellen. Die Bilder an den Wänden, illustriert in herrlichen Farben, erzählen unter anderem, dass Ramses in den Krieg zog, an seiner Seite Amun-Ra. Immer wieder ist eine Szene zu sehen, wie der König seine Feinde erschlägt oder nach Ägypten treibt.

Aber immer wieder findet man ein Detail, das so gar nicht zu dem kriegslüsternen Pharao zu passen scheint: Neben oder zwischen den Beinen seiner Statuen sieht man eine schöne, zierliche Frau stehen. Ihr Name war Nefertari („die Schönste, die zu mir gehört“) und Ramses, eigentlich ein rechter Weiberheld, muss diese Frau mit seinem ganzen Herzen geliebt haben. In direkter Nähe des Ramses-Tempels befindet sich ein weiterer Tempel, kleiner zwar, aber dennoch von umwerfender Schönheit. Diesen Tempel liess der Pharao für Nefertari bauen, die an der Fassade mit zwei Kolossalstatuen dargestellt wird (neben den 4 von Ramses selbst). Geweiht war der Tempel der Göttin Hathor, die an den Innenwänden sehr oft dargestellt wird. Auch sind Darstellungen von Nefertari zu finden sowie weitere Reliefs von Ramses. Wie sehr muss ein Mann eine Frau lieben, dass er ihr sogar einen Tempel baut?

Wie bereits erwähnt gehörten die beiden Tempel von Abu Simbel zu jenem UNESCO-Projekt, das die ägyptischen Kulturstätten vor den Fluten des Lake Nasser rettete. Damals wurde die gesamte Anlage, die sich noch dazu je in einem Berg befand, in 120.000 Teile zersägt und nummeriert. In sicherer Entfernung zum zukünftigen Stausee wurden zwei Betonkuppeln errichtet, in welchen die Tempel Stück für Stück wieder originalgetreu zusammengesetzt wurden. Bei diesem Mammutprojekt waren 49 Staaten beteiligt. Ausgeführt wurden die Arbeiten von einer deutschen Firma.

Der Ramses-Tempel mit den im Allerheiligsten befindlichen Statuen der vier verehrten Gottheiten (Amun-Ra, Ra-Herachte, Ptah und Ramses höchstselbst) wurde von den altägyptischen Baumeistern so konstruiert, das an zwei Tagen das Gesicht des Pharaos von den Strahlen der aufgehenden Sonne erhellt wurde, genau am 21. Februar und am 21. Oktober. Es gibt Spekulationen, nach denen diese Daten der Geburtstag und der Tag der Thronbesteigung Ramses’ II. gewesen sein sollen. Seit die Tempel versetzt wurden, hat sich der Termin allerdings je um einen Tag nach vorn verschoben. Die Alten Ägypter waren eben schlauere Leute als unsere Ingenieure…

Man kann sich kaum sattsehen an den Tempelfassaden, den Reliefs und den schönen Bildern, aber um 10 Uhr müssen alle wieder weg. Wenn man bedenkt, welche Temperaturen es so tief im Süden schon morgens um 8 hat, ist es sinnvoll, sich spätestens um 10 wieder auf die Heimreise zu machen…. Wir waren extrem spät dran, außer uns war fast keiner mehr da, so dass wir rennen mussten, um uns nicht den Zorn des Luxusreisebusfahrers zuzuziehen…

Für die anstrengende Wüstenfahrt wurden wir dann mit einem reichhaltigen Mittagessen belohnt, das nicht unbedingt dazu geeignet war, Pharaos Rache los zu werden. Aber man ist schliesslich hart im Nehmen! Den Nachmittag hielten wir dann nur im Pool oder im Schatten mit kühlem Malventee aus. Die Temperaturen in Assuan im Juli lassen einen nicht vergessen, dass man in Afrika ist.

Am späteren Nachmittag brachen dann alle Sonnenkinder zu einer gemeinschaftlichen Felukenfahrt auf. Die Feluke ist ein traditionelles ägyptisches Segelboot, das vermutlich zur Zeit der Pharaonen schon ganz ähnlich ausgesehen hat. Es ist herrlich, sich auf dem Nil treiben zu lassen und die Ruhe zu geniessen!

Allerdings war es mit der Ruhe bald vorbei: Wir segelten gerade um die Insel Elephantine herum, als ein paar Ruderboote auf Abfangkurs gingen. In den Booten saßen nubische Kinder, die eine Weile neben uns her paddelten, bis sie aus unseren Gesprächen erkannt hatten, wo wir herkamen. Und dann begannen sie zu singen, zwar nicht schön, dafür aber um so lauter. Sie zogen erst wieder ab, als sie eine beträchtliche Menge an Spenden eingeheimst hatten, wobei alles akzeptiert wurde – vom Kugelschreiber bis zum Geldschein… In ihrem gesanglichen Repertoir befanden sich Perlen wie „Bruder Jackob“ und ähnliches, die mit einem Elan vorgetragen wurden, den man bei deutschen Kindern manchmal vermisst. Auf dem Weg um die Insel sahen wir auch einige nubische Frauen, die im Nil ihre Wäsche wuschen.

Am Westufer des Nils sind einige Grabeingänge aus früheren Zeiten zu sehen, die man auch besichtigen kann, wenn man so verrückt ist, bei fast 50°C mehrere hundert Stufen hinauf zu hecheln.

Als wir gerade um Elephantine herum waren, meinte der Bootsbesitzer, seinen persönlichen kleinen Basar aufmachen zu müssen. Zu unserer Reisegruppe gehörte eine Familie aus Österreich, die genug kaufte, so dass wir anderen den Geldbeutel guten Gewissens stecken lassen konnten.

Der humoristische Höhepunkt war, als die Tochter der Österreicher sich einbildete, im Nil baden zu müssen. Damit sie nicht verloren ging, wurde sie vom Bootsbesitzer mittels eines langen Seils am Schiff festgebunden. Ein Mitreisender fragte dann mit todernstem Blick, was denn die Flosse da hinten zu bedeuten hatte, was bei dem Mädchen einen panischen Blick nach hinten und bei allen anderen Gelächter auslöste.

Wir kamen nach etwa 1,5 Stunden von der gemütlichen Felukenfahrt zurück, die aufgrund des wenigen Windes länger dauerte als beabsichtigt. Aber uns war das nur recht.

Der Abend stand dann (nach dem berühmten Essen) ganz im Zeichen des Bauchtanzes. Die Tänzerin war durchaus ein Beispiel dafür, dass auch Frauen, die etwas mehr Speck auf den Hüften haben, durchaus ihre Reize haben. Mal ganz abgesehen davon, dass die Gute sich in ihrem Element ziemlich wohl fühlte. Schade nur, dass es versäumt wurde, Markus zu fotografieren, als er der Schönen an die Hüften fasste.

Dem Auftritt der Tänzerin folgte ein junger Mann, eine Art wirbelnder Derwisch, der sich hunderte Male um die eigene Achse drehen konnte, ohne auch nur den Anschein zu erwecken, das Gleichgewicht zu verlieren. Bewundernswert…

 
Bilder des 8. Reisetages
Großer Tempel von Abu Simbel (in neuem Fenster)
Großer Tempel von Abu Simbel
Großer Tempel von Abu Simbel (in neuem Fenster)
Großer Tempel von Abu Simbel
Großer Tempel von Abu Simbel (in neuem Fenster)
Großer Tempel von Abu Simbel
Nefertari Tempel (in neuem Fenster)
Nefertari Tempel
Tempel von Abu Simbel (in neuem Fenster)
Tempel von Abu Simbel
Auf dem Nil (in neuem Fenster)
Auf dem Nil
Nubische Siedlung auf einer Nilinsel (in neuem Fenster)
Nubische Siedlung auf einer Nilinsel
Frauen beim waschen der Wäsche (in neuem Fenster)
Frauen beim waschen der Wäsche
Old Cataract Hotel (in neuem Fenster)
Old Cataract Hotel
Koptische Kirche in Assuan (in neuem Fenster)
Koptische Kirche in Assuan
Sonnenuntergang (in neuem Fenster)
Sonnenuntergang
Wetter in Ägypten
Alexandria: 21°C
Kairo: 23°C
Luxor: 25°C
Assuan: 25°C